HomeAktuellesBericht zum 1. Tag der Berliner Psychoanalytischen Institute

Warum sollten wir kooperieren?

Dorothee Adam-Lauterbach, Ruth Becker, Christiane Grammel, Ulrike Held, Antje Mudersbach

Fast hundert Mitglieder und KandidatenvertreterInnen (DGPT und VAKjP) zog es am Samstag, den 21. Januar 2017 in die Räume der Berliner IPU zu etwas bislang Neuem: Beim ersten gemeinsamen Tag der Berliner Psychoanalytischen Institute, der von der „AG Psychoanalyse, Direktausbildung & Hochschule“ organisiert wurde, ging es um eine wichtige und grundlegende Frage: Warum sollten und wollen wir mit welchen Zielen in Berlin zusammenarbeiten? Warum überhaupt und wie können wir als Psychoanalytische Institute kooperieren in Hinblick auf die zu erwartenden Reformen des PsychThG, in Bezug auf die neuen Psychotherapie-Richtlinien und weiteren geplanten, gesetzlichen Veränderungen im Gesundheitswesen? Dorothee Adam-Lauterbach und Antje Mudersbach moderierten eine dichte Abfolge klärender Wortbeiträge aus Sicht verschiedener Fachleute und die dazwischen ablaufenden lebhaften Diskussionen der Anwesenden in verschiedenen Formaten.

Zunächst vermittelte Anne Springer (IFP) unter Mitwirkung von Margit Murr (APB) denaktuellen Stand der Reform des Psychotherapeutengesetzes. Die vorgesehene verfahrensübergreifende Weiterbildung, wie sie künftig gefordert sein soll, würde die Möglichkeiten einzelner Institute strukturell und organisatorisch übersteigen und erfordere künftig enge Kooperationen auch mit (teil-)stationären Einrichtungen sowie intensivierte institutsübergreifende Zusammenarbeit. Sehr fraglich sei aktuell auch, ob die Finanzierung der Kosten für die Anstellung der WeiterbildungsteilnehmerInnen einschließlich der erforderlichen Infrastruktur überhaupt von einzelnen Instituten erbracht werden kann. Die gegenwärtig diskutierten Fondslösungen zur Finanzierung der Weiterbildung würden ebenfalls eine Herausforderung bedeuten, da das -  verglichen mit VT und TfP -  erhebliche Stundenvolumen der Psychoanalyse den Vorwurf nahelege, die Weiterbildungskosten in die Höhe zu treiben.

Nach diesem, die problematischen Realitäten zuspitzenden Vortrag, gab es einen Moment betretenen Schweigens: Macht es überhaupt Sinn, unter diesen Bedingungen Kooperationskonzepte voranzutreiben?

Unbedingt, sagte Elke Metzner vom PIN Nürnberg. Sie vermittelte im folgenden Beitrag die Geschichte der Zusammenarbeit der Münchner DGPT Institute. In München gibt es bereits über Jahre gewachsene  konkrete Erfahrungen in der Schaffung institutsübergreifenden Vernetzung, von denen auch die Berliner profitieren könnten:  Im Vortrag: „Psychoanalytisches Forum München – Möglichkeiten und Grenzen eines Verbundes von fünf DGPT-Instituten“ zeichnete die Referentin die Stationen nach – von der gemeinsam geplanten Anbindung über die schöne, aber bislang unrealisierte Idee einer Stiftungsprofessur bis zu regelmäßigen Treffen der Institutsvorstände und Klausurtagungen. Das Ergebnis sei eine bessere Wertschätzung, gegenseitiger Respekt und eine vertrauensvollere und persönlich gewachsene Zusammenarbeit. Diese münde auch in gemeinsamen Curricula bei den Lehrinhalten, regelmäßigen Veranstaltungen und die wechselseitige Anerkennung der LehranalytikerInnen und SupervisorInnen.

Aber auch Berlin steht nicht am Nullpunkt: Ulrike Held (EJI, IfP) konnte mit ihrem Beitrag zeigen, dass die Psychoanalytischen Institute in Berlin schon einiges an Kooperation auf die Beine gestellt haben, auf dem künftig weiter aufgebaut werden könnte. Zu nennen wären die DGPT-Institute-Treffen, seit ein paar Jahren auch DGPT- und VAKJP-Institute-Treffen genannt, der Ost-Westarbeitskreis, eine gemeinsame Veranstaltung in der Berliner Urania, der „Lehrverbund“, die gemeinsame „Fortbildungsbroschüre“, und in jüngster Zeit die gemeinsame Teilnahme an der „Berliner und Brandenburger Langen Nacht der Wissenschaften“. Wie dies Schritt für Schritt einschließlich mancher Höhen und Tiefen möglich wurde, erfuhren die Anwesenden ganz konkret durch mithilfe von Ulrike Held gesammelten „O-Tönen“ so einiger Berliner Kooperations-Protagonisten, ergänzt durch spontane Erzählungen des einen oder anderen anwesenden „Zeitzeugen“.

Der Tenor zu diesem Zeitpunkt dieses ersten gemeinsamen Institutetages: Wir müssen in Berlin das Vorhandene ausbauen – es existiert schon einiges, auf das sich dabei aufsetzen lässt und die prinzipielle Richtung stimmt. Aber die Unterschiede zwischen den einzelnen Instituten und die Verunsicherungen sind auch groß, und viele Fragen gerade zur zukünftigen Ausbildungssituation offen.

Nach diesen Standortbestimmungsversuchen in Kleingruppen gab es am Nachmittag verschiedene Inputreferate aus den Universitäten, Kliniken und Kammern. Prof. Dr. Martin Teising (IPU) und Prof. Dr. Tilmann Habermas (Goethe-Universität Frankfurt a.M). zeigten sich skeptisch, dass aus Sicht der Universitäten bei einer Direktausbildung die Institute zukünftig eine relevante Rolle spielen werden. Anfänglich vermutlich noch durch Lehraufträge in die universitäre Ausbildung eingebunden, bliebe die Frage: Was können die psychoanalytischen Institute zukünftig zur Lehre und Forschung beitragen, was die Hochschulen nicht auch selber abdecken könnten? Prof. Teising erinnerte an die erste Lange Nach der Wissenschaft. Da hatte sich schnell eine intensive Zusammenarbeit zwischen den Instituten und der Hochschule entwickelt, die aber auch die kritische Frage aufwarf: Wo wird denn nun wirklich Wissenschaft betrieben? Er betonte die Relevanz der gegenseitigen Wertschätzung zwischen den PsychoanalytikerInnen und der Wissenschaft vor dem Hintergrund einer strukturellen Ab- und Entwertung. Er verwies in diesem Zusammenhang auf die Möglichkeit für Institutsmitglieder oder AusbildungskandidatInnen, an der IPU zu promovieren.

Dr. med. Christian Thiele (Ärztlicher Direktor Theodor-Wenzel-Werk Berlin) und Dr. Hans Willner (Chefarzt Klinik für seelische Gesundheit im Kindesalters, St. Josef-Krankenhaus) äußerten andere Erwartungen an die Zusammenarbeit mit den Instituten: Priorität habe vor allem die vernetzte Versorgung der Patienten. Dies stehe im Mittelpunkt und hier gebe es Handlungsbedarf.

Zum Stichwort Berufspolitik verdeutlichte Bernhard Wurth, dass in der Berliner Kammer für PP und KJP die PsychoanalytikerInnen mit der starken psychodynamischen Fraktion zum 3. Mal den Präsidenten stellen. Mit Blick auf andere Landeskammern werde der Einfluss unserer Berufsgruppe aber künftig kleiner werden. Die Brisanz ergebe sich daraus, dass die Kammern für die Aufsicht über die Weiterbildung zuständig sind. Sie entwickelten die Weiterbildungsordnung, entschieden, welche Einrichtung die Anforderungen für die Weiterbildung erfüllen und auf welche Weise der Erfolg der Weiterbildung nachzuweisen sei.

Mit der provozierenden Frage, ob denn die ärztliche Psychotherapie nach der Direktausbildung überhaupt noch zu retten sei, wurde Dr. med. Bernd Bergander, Facharzt für psychsomatische Med., Vorstand DGPM konfrontiert. Die Weichenstellung erfolgte 1992 beim Deutschen Ärztetag durch die Änderung der Weiterbildung. Seither haben die Institute durch die wachsende Bedeutung des Weiterbildungsverbundes an Einfluss eingebüßt.Er plädierte dafür, die Facharztausbildung wieder zu öffnen. Der Facharzt für Psychosomatik ist gefragter denn je, auch um in der täglichen Praxis, die Motivation vieler PatientInnen für eine Psychotherapie zu fördern. Das „Auseinanderfallen“ von Körper und Psyche, sowohl in der somatischen Medizin als auch in der Psychotherapie, seien beklagenswert.

Viel Stoff zum Verdauen für die engagiert am Ball bleibenden Teilnehmenden dieses ersten Institutetages gab es im folgenden gemeinsamen World Café: Zwischen Ernüchterung und Aufbruch wurden die bisherigen Statements in intensiver Kleingruppenarbeit zusammen mit den ReferentInnen diskutiert und dabei institutsübergreifende neue Bekanntschaften geknüpft.

Hoffnung machte nach diesem Stimmengewirr der 11Kleingruppen die Zukunftsvision der Bundekandidatensprecherin Kerstin Sischka (BuKA DGPT). Aus Sicht der PiAs seien die Institute und ihre implizite Institutskultur verglichen mit einer unpersönlichen universitären Ausbildung enorm wertvoll: Viele KandidatInnen nähmen ein hohes Engagement unter den Mitgliedern wahr, der lebendige Fachaustausch würde geschätzt, in den  Ausbildungsgruppen erleben viele KandidatInnen soziale Unterstützung und nicht zuletzt gäbe es an den Instituten so etwas wie ein Klima der „Generativität“ inklusive der Hilfe bei der Weitergabe von Praxissitzen.

Und noch ein anderer Aspekt: könnten die Institute so etwas wie eine gemeinsame Ambulanz realisieren? Dr. Wolfram Keller (JIB, IfP), legte in seinem Vortrag dazu einleuchtende Argumente vor. Eine solche Ambulanz (als natürlicher Konkurrent entsprechender privatwirtschaftlicher Unternehmen, die sich gegenwärtig bereits formierten) sei nur gemeinsam stark. Die Kosten für die Infrastruktur würden minimiert  und das Spektrum der ambulanten Fälle erhöht werden. Für ein besseres Standing gegenüber der Konkurrenz könnten Fallkonferenzen der eigenen Profilierung dienen. Es gehe für die gemeinsam auftretenden Institute darum, ein starker Verhandlungspartner im Anerkennungsverfahren zu werden. 

Den Abschluss dieses informativen, diskussionsfreudigen und anregenden Tages bildete ein Fishbowl. Die Sorge um die Zukunft der psychoanalytischen Institute und der Widerstand gegen zu einseitige Homogenisierung bildete sich in den Fragen und Kommentaren ebenso ab, wie die Angst um ein Auseinanderdriften zwischen Ärztlichen und Psychologischen PsychotherapeutInnen sowie den Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeuten und dem Risiko einer Low-Level-Weiterbildung als dem notwendigen Preis einer Anpassungsleistung. Aber auch Interesse an und Lust auf künftig engere Zusammenarbeit, sei es in einem psychoanalytischen Forschungsverbund zu psychoanalytischen Fragen, bei neuen niederschwelligen Versorgungsangeboten oder vermittels Fallkonferenzen wurde vielfach geäußert.

Das Reflecting Team verstand das vormittägliche Schweigen nach dem Vortrag von Anne Springer als gesetzten Treffer. In den naturgemäß zu kurzen Tischdiskussionen habe es dann mitunter leidenschaftliche Konfrontationen zwischen Zukunftspessimismus und optimistischerem Ausblick gegeben. Vertrautheit wachse mit Gesprächen, es sei spürbar große Kompetenz bereits jetzt vorhanden.

Diese Veranstaltung verstehen wir als Auftakt für einen - eventuell auch durch eine Organisationsberatung begleiteten – Prozess, in dem es um die Entwicklung weiterer Kooperationsformen geht, die der Vielfalt unserer Berliner Institutelandschaft ihren Platz lässt, uns aber zugleich schlagkräftiger gegenüber den kommenden Herausforderungen aufstellt und uns vorbereitet in die kommenden Veränderungen gehen lässt.

 

AG Direktausbildung, Psychoanalyse & Hochschule - Vorbereitungsgruppe

Dorothee Adam-Lauterbach (APB), Wolfgang Albert (IPB), Christiane Grammel (BBPP), Ulrike Held (EJI, IfP), Anne Hermanns (BPI), Angelika Heußer (BIPP), Wolfram Keller (JIB, IfP), Hans-Martin Müller (AAI), Antje Mudersbach (PaIB, IfP), Margit Murr (APB), Karin Scheuermann (BIG), Anne Springer (JIB, IfP), Ingrid Stammnitz (IBP), Hermann Storm (BIG), Bernhard Wurth (BPI)



 

 

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